„Ein zur türkischen Religion konvertierter ist schlimmer als der Türke“: Apostaten und Türkenfreunde in Berichten tschechischer Reisender und Gesandter (16.-17. Jahrhundert)

Vortrag von Jun.-Prof. Dr. Petr Kučera (Hamburg) im Rahmen der Vortragsreihe „Konvertiten, Renegaten, Neuosmanen im Osmanischen Reich“

Termin: 22.05.2019, 18.00 Uhr c.t
Ort: Hörsaal 221 (AAI, Edmund-Siemers-Allee 1, Ost)

© Nationalbibliothek Prag

Ein zur türkischen Religion konvertierter ist schlimmer als der Türke“ sagt ein tschechisches Sprichwort, das höchstwahrscheinlich aus dem 17. Jahrhundert stammt. In den Reiseberichten, Briefen und Abhandlungen von Tschechen, die sich in der frühmodernen Zeit im Osmanischen Reich aufhielten, findet man nicht nur interessante Zeugnisse von der Begegnung mit dem „anderen“. Sie zeigen auch die Faszination und den Schrecken, die ihre Autoren angesichts der zahlreichen Konversions- oder Türkisierungsfälle ihrer Glaubensbrüder erlebten.

Der Vortrag nimmt sich die Beschreibungen von Konversion oder Identitäts- und Loyalitätswechsel unter die Lupe, die Tschechen im 16. und 17. Jahrhundert hinterlassen haben. Die Periode stellt eine Schlüsselphase in tschechisch-türkischen Begegnungen dar. Nach der Eroberung Ungarns durch die Osmanen wurden die böhmischen Kronländer in dieser Zeit Nachbarn des Osmanischen Reiches, was nicht zuletzt ein gesteigertes Interesse am Islam und einen steilen Anstieg von Literatur über die „türkische Gefahr“ zu Folge hatte. Die Präsentation stützt sich besonders auf vier Quellen: Die Abenteuer von Václav Vratislav von Mitrovice (1599), das Tagebuch des Grafen Heřman Černín von Chudenice (1644-45) und Antialkoran (1614) und Briefe (ca. 1570-1590) von Václav Budovec von Budov. Alle drei Adelige waren Mitglieder von Gesandtschaften nach Istanbul, verbrachten Jahre in der osmanischen Hauptstadt und erwarben gründliches Wissen über die osmanische Kultur und den Islam. Der Vortrag widmet sich bisher wenig erforschten Fällen der Aufnahme der osmanischen Kultur und Religion oder Reaktion auf solche, wie sie von Angehörigen einer marginalisierten mitteleuropäischen Gesellschaft aufgezeichnet wurde, die selber im Existenzkampf um die Aufrechterhaltung ihrer kulturellen und z.T. auch religiösen Identität begriffen war.

Referent: Petr Kučera studierte Turkologie und Islamwissenschaft an der Karls-Universität in Prag, wo er zwischen 2008 und 2015 als Dozent für Turkologie tätig war. Seit März 2016 ist er Juniorprofessor für Turkologie an der Universität Hamburg. Zu seinen Forschungsfeldern zählen: Kulturgeschichte des spätosmanischen Reiches, osmanische Reiseberichte, moderne türkische Literatur, Verflechtungen von Nationalismus und Literatur. Publikationen (Auswahl): Von Istanbul bis ans Ende der Welt: Osmanische Reiseberichte um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert (Prag: Academia, 2019, mit J. Malečková, auf Tschechisch), Ausführliche Grammatik des Türkischen (Brno: Lingea, 2014, polnische Übersetzung 2018), zahlreiche Übersetzungen aus dem Türkischen, darunter neun Romane von Orhan Pamuk, Erzählungen und Gedichte.

Werbeanzeigen

Über TEZ

Blogseite des TürkeiEuropaZentrums Hamburg (TEZ)
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s