„…richtig entlaufen, seiner Heimat, seinem Beruf, seinem Glauben“. Deutsche Konvertiten im späten Osmanischen Reich

Vortrag von Prof. Dr. Yavuz Köse (Wien) im Rahmen der Vortragsreihe „Konvertiten, Renegaten, Neuosmanen im Osmanischen Reich“

Termin: 24.04.2019, 18.00 Uhr c.t
Ort: Hörsaal 221(AAI, Edmund-Siemers-Allee 1, Ost)

© Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Berlin

Ab den 1840er Jahren existierte aus Deutschland auch eine „unterbürgerliche Migration“ in das osmanische Gebiet. Da diese, anders als etwa Militärexperten, selten hervorgehobene Positionen innehatten, lassen sich deren Lebensläufe – insbesondere wenn sie zum Islam konvertierten und osmanische Namen annahmen – nur schwer nachzeichnen. Da die Konversion selten nur die religiöse Ebene betraf, sondern oft auch rechtliche Implikationen hatte, geben die Akten der Preußischen Gesandtschaft interessante Einblicke.
Der Vortrag stellt einige Fälle von Konvertiten vor und analysiert die offiziellen Korrespondenzen. Die Akten erlauben uns den Übergansprozess von einem preußischen zum osmanischen Untertanen zu verfolgen. Die Briefe bieten dabei nicht nur Erkenntnisse zu formalen Aspekten des Staat-Untertan Verhältnisses, vielmehr zeigen sie, dass die deutschen Vertreter auf die Absichtserklärungen, zum Islam zu konvertieren, zuweilen hoch emotional reagierten und versuchten, die Untertanen von diesem Schritt abzuhalten. Einige der Akten enthalten auch Aussagen der Betroffenen zu den Motiven ihrer Konversion. Trotz der bisher geringen Anzahl an Beispielen, liefern diese Fälle dennoch neue Aspekte zur Frage des osmanischen Staatsbürgertums und der Rolle, die der Übertritt zum Islam für Gruppen spielte, die keine besonderen Fähigkeiten hatten, die für den osmanischen Staat von Bedeutung waren.

Referent: Yavuz Köse studierte Geschichte und Kultur des Nahen Orients sowie Turkologie, Volkswirtschaftslehre sowie Arbeits- und Organisationspsychologie an der Ludwig-Maximil-ians-Universität München. Zwischen 2010 und 2019 hat er die W3-Professur für Turkologie an der Universität Hamburg vertreten. Seit Januar 2019 hat er den Lehrstuhl für Turkologie an der Universität Wien inne. Er ist Vorstandsvorsitzender Gesellschaft für Turkologie, Osmanistik und Türkeiforschung (GTOT, e.V.). Zu seinen Forschungsfeldern zählen: Sozial- und Wirtschafts-, Umwelt- und Tourismusgeschichte des Osmanischen Reiches und der Türkei. Publikationen (Auswahl): Osmanen in Hamburg – eine Beziehungsgeschichte zur Zeit des Ersten Weltkrieges (Hamburg: Hamburg University Press, 2015), (ed.) Junge Perspektiven der Türkeiforschung in Deutschland Bd. II (mit Burcu Doğramacı, Kerem Öktem und Tobias Völker). Berlin: Springer VS Verlag, (ed.) Wunder der erschaffenen Dinge: Osmanische Manuskripte in Hamburger Sammlungen. Wonders of Creation: Ottoman Manuscripts from Hamburg Collections (manuscript cultures 9) (mit Janina Karolewski) Hamburg 2018 (2. Aufl.), (ed.) Nature and Power: An Environmental History of the Ottoman Empire (with Onur İnal), Winwick – Cambridgeshire: White Horse Press, 2019.

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Reaktionen auf armenische Konvertiten 1895/96 und 1915/16

Vortrag von Prof. Dr. Elke Shoghig Hartmann (Hamburg) im Rahmen der Vortragsreihe „Konvertiten, Renegaten, Neuosmanen im Osmanischen Reich“

Termin: 17.04.2019, 18.00 Uhr c.t
Ort: Hörsaal 221(AAI, Edmund-Siemers-Allee 1, Ost)

Bild: Archiv der Bibliothèque Nubar, Paris

Die Spätzeit des Osmanischen Reiches war nicht nur durch umfassende Reformen und die schrittweise Emanzipation der Nichtmuslime geprägt, sondern auch durch eine massive Zunahme von Gewalt in den ostanatolischen Provinzen. Ein Element war auch die Verschleppung und Zwangskonversion armenischer Frauen. Zu Massenkonversionen von osmanischen Armeniern kam es jedoch erst während der reichsweiten Massaker unter Sultan Abdülhamid II. 1985/96 und während des jungtürkischen Völkermords 1915/16. Der Vortrag richtet seinen Blick nicht primär auf die Episoden der Massengewalt selbst, sondern auf den Umgang mit den vielen Tausend zwangskonvertierten Armenierinnen und Armenier. Wie wurden die konvertierten Armenier in der muslimischen Gesellschaft aufgenommen? Wie reagierte die Gesellschaft der armenischen Überlebenden nach dem Ersten Weltkrieg auf die islamisierten Armenier?

Referentin: Elke Hartmann hat an der Freien Universität Berlin Geschichte und Islamwissenschaft studiert. Seit dem 1.4.2019 vertritt sie die Professur für Turkologie am AAI. Derzeit forscht sie zu russisch-osmanischen Verflechtungen in der jungtürkischen Bewegung. Weitere Forschungsschwerpunkte sind das osmanische Militär, Staats- und Nationsbildung, Alltagsleben und Alltagskultur, Photographie und Selbstzeugnisforschung. Zu ihren Publikationen gehören: Die Reichweite des Staates. Wehrpflicht und moderne Staatlichkeit im Osmanischen Reich 1869-1910, Paderborn 2016; Gülizars Geschichte. Frauenraub in den armenischen Provinzen des Osmanischen Reiches in neuer Perspektive, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 26 (2017), S. 184-208; The Central State in the Borderlands: Ottoman Eastern Anatolia in the Late 19th Century, in: Omer Bartov / Eric D. Weitz (Hg.), Shatterzone of Empires. Coexistence and Violence in the German, Habsburg, Russian, and Ottoman Borderlands, Bloomington und Indianapolis 2013, S. 172-190.

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Between Temptations of Turkish Slavery and Ethnic Solidarity: The Discourse on the Renegade Phenomenon in Ukrainian Folklore

Vortrag von Dr. Oleksandr Halenko (Kiew) im Rahmen der Vortragsreihe „Konvertiten, Renegaten, Neuosmanen im Osmanischen Reich“

Bild: Lviv National Art Gallery

Termin: 10.04.2019, 18.00 Uhr c.t
Ort: Hörsaal 221(AAI, Edmund-Siemers-Allee 1, Ost)

In the Ottoman Empire the vast majority of renegades did not change identity voluntarily, because they were slaves. The Ukrainian folklore voices complex motives of such involuntary renegades, as it accumulates collective experiences of the nation, which for a long time was a principal source of Ottoman slaves. On the one hand, scenes of physical and moral sufferings, apostasy and death illustrate threats of enslavement. On the other, praised are wealth, power, pride, luxury and even sensual pleasures, which were promised to all Ottomans, including renegades. Renegades also appear as protagonists of several epics (dumas) that accumulated broad popular discourse, developed in response to the devastating slaving raids of the Crimean Khanate. The stories and characters of renegades, unquestionably fictional, set praiseworthy examples of their continuing loyalty to Christian faith, family, and compatriots. Some remarkably promised to renegades absolution in exchange for assisting compatriots to regain freedom and to return home. Eventually, it was a desperate appeal to cooperation between compatriots, and such epics provide good example, how hard collective experience stimulated consolidation of a nascent nation.

Referent: Dr. Oleksandr Halenko studied European history in Kyiv. After the demise of the Soviet Union he independently engaged in Turkology with focus on the role of Turkic polities in the history of Ukraine. In 1996-1999 he served as deputy director of the Institute of Oriental Studies in Kyiv. He also taught at the National University of Kyiv-Mohyla Academy and conducted research on the Islamic collection at the Bogdan and Varvara Khanenko Museum of Art in Kyiv. Currently he is affiliated with the Centre for the Study of Civilizations in the Black Sea Area at the Institute of History of Ukraine. His recent publications include Tarih-i Naima: Reports on Ukraine. Translation and Studies (Kyiv, 2016); “Wine production, marketing and consumption in the Ottoman Crimea, 1520-1542”, Journal of the Economic and Social History of the Orient 47 (4), 507-547; “How a Turkish Empress Became a Champion of Ukraine”, Roxolana in European Literature, History and Culture, 125-140; “The Harsh Landscapes of“ Mother Sarmatia“: Steppe Ukraine through the Eyes of a 16th-Century Polish Diplomat”, Harvard Ukrainian Studies 32, 349-376.

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Einführung in die Konversionsforschung

Vortrag von Magali Dietrich, M.A. (Hamburg) im Rahmen der Vortragsreihe „Konvertiten, Renegaten, Neuosmanen im Osmanischen Reich“

Bild: parthasberlin

Termin: 03.04.2019, 18.00 Uhr c.t
Ort: Hörsaal 221 (AAI, Edmund-Siemers-Allee 1, Ost)

Conversion is what a group or person says it is“ (Lewis R. Rambo)

Wie lässt sich Konversion erklären und welche Konsequenzen und Spannungsfelder ergeben sich mit dem Akt des Glaubenswechsels? Die unterschiedlichen Definitionen und Erklärungsansätze für religiöse Konversion haben im Laufe der Geschichte auch die Person des Konvertiten immer wieder in einem neuen Licht erscheinen lassen. Das Bild der passiven Konversion ist dem der aktiven Konversion gewichen, denn spätestens nach dem eigentlichen Akt der Konversion eröffnen sich neben den neuen Glaubensinhalten – damals wie heute – Fragen nach religiöser Identität, Werten, Loyalität und Synkretismen.

Die Antworten zu diesen Fragen sind so individuell und facettenreich wie die Biographien der Konvertiten selbst, dennoch lassen sich einige Gemeinsamkeiten aufzeigen, die sowohl die persönliche Ebene des Konvertiten als auch sein gesellschaftliches und politisches Umfeld betreffen.

Der Vortrag soll einen ersten Einblick in die Erklärungsansätze der Konversionsforschung seit 1900 geben, Parallelen aufzeigen sowie gesellschaftliche Herausforderungen zur Diskussion stellen.

Referentin: Magali Dietrich studierte Islam- und Politikwissenschaft an der Universität Hamburg und in Damaskus. Seit 2014 ist sie Promotionsstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung und forscht zum Thema ‚Konversion zum Islam und religiöse Identität‘. Zuvor war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) tätig, wo sie sich insbesondere mit Indikatoren für Radikalisierung und Terrorismus beschäftigte. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Wandlungsprozesse der Gegenwart, Fundamentalismus, Religionspolitik und islamische Bewegungen in Europa. Magali Dietrich ist Gründungsmitglied des ‚Zukunftsforum Islam e.V.‘.


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TEZ-Vortragsreihe Sommersemester 2019: Konvertiten, Renegaten, Neuosmanen im Osmanischen Reich

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2nd International NEHT Workshop, 6-7 September 2019

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Arrival City Istanbul: Flucht, Moderne und Metropole am Bosporus

Vortrag von Prof. Dr. Burcu Dogramaci (München) im Rahmen der Vortragsreihe „10 Jahre TürkeiEuropaZentrum Hamburg“

Termin: 23.01.2019, 18.00 Uhr c.t.
Ort: Hörsaal 221 (AAI, Edmund-Siemers-Allee 1, Ost)

Istanbul war ein Ankunftsort für geflüchtete Künstler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Stadt auf zwei Kontinenten mit ihrer multireligiösen und –ethnischen Bevölkerung bot den Emigranten ein heterogenes Bild; so lässt sich kaum von einer konzisen Stadterfahrung sprechen. Denn abhängig von den Stadtvierteln, ihrer Bebauung und Bevölkerung, der Nähe (oder Ferne) zum Wasser, der Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln zeigte Istanbul verschiedene Gesichter. So gibt dieser Stadtkörper zahlreiche Anhaltspunkte, um die Wechselwirkung von Migration oder Exil, Architektur und Stadt zu erforschen:
Im Galata/Beyoğlu auf der europäischen Seite lebten nach 1917 besonders viele russische Emigranten, später kamen deutschsprachige Exilierte. Institutionen wie die Akademie der Schönen Künste waren fußläufig erreichbar, und Hotels, Cafés und Bars bildeten Kontaktzonen für emigrierte und/oder lokale Kulturschaffende. Der Bosporus bot einen wichtigen Bezugspunkt für Bauten wie die Villa Ragip Devres (Architekt: Ernst Egli), das Haus Eckert-Emirgan (Architekt: Clemens Holzmeister) oder das Haus des Berliner Architekten Bruno Taut. Die ungewöhnliche Ästhetik von Tauts Haus führt zu übergreifenden Überlegungen zur Beziehung von Exil und Moderne. Der Vortrag endet mit dem Aufenthalt von Leo Trotzki auf der Prinzeninsel Büyükada und dem insularen Status des Exilierten.

Referentin: Burcu Dogramaci ist seit 2009 Professorin am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München mit Schwerpunkt auf der Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. 2000 Promotion (bei Martin Warnke) mit einer Dissertation über die Berliner Modegraphikerin Lieselotte Friedlaender und die Pressegrafik der Weimarer Republik. 2007 Habilitation in Hamburg mit einer Schrift über deutschsprachige Architekten, Stadtplaner, Bildhauer und Kunsthistoriker in der Türkei nach 1927. 2011–12 Senior Research Fellow am Center for Advanced Studies der LMU München. 2014 Preis für gute Lehre des Bayerischen Staatsministeriums. 2016 ERC Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrates. Sie forscht und lehrt zu Exil und Migration, Fotografie und Fotobuch, Mode, Architektur und Stadt, Skulptur der Moderne und Nachkriegszeit, Live Art.

Publikationen (Auswahl): Heimat. Eine künstlerische Spurensuche, Köln: Böhlau 2016; Migration und künstlerische Produktion. Aktuelle Perspektiven, Bielefeld: transcript 2013 (Hg.); Fotografieren und Forschen. Wissenschaftliche Expeditionen mit der Kamera im türkischen Exil nach 1933, Marburg: Jonas 2013; Netzwerke des Exils. Künstlerische Verflechtungen, Austausch und Patronage nach 1933, Berlin: Gebr. Mann 2011 (Hg. m. K. Wimmer); (Hg. mit Birgit Mersmann), Handbook of Art and Global Migration Theories, Practices, and Challenges (de Gruyter, 2019), Fotografie der Performance. Live Art im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit“ (Fink 2018.

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